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Erstveröffentlichung des Artikels im August 2016

Die LSA Logistik Service Agentur in Bremerhaven macht vor, wie auch kleine Unternehmen in die Digitalisierung starten können. Vier Manager organisieren und steuern so für Logistikgroßaufträge im Routing Center der LSA mehrere Systeme gleichzeitig: Denn die Informationslogistik für 15 Lieferanten, 48 Mitarbeiter beim Kunden und 60 Logistikdienstleister up-to-date zu halten, das gelingt nur mit transparenten, digitalisierten Prozessen.

Programme, die bei der Organisation von Logistikaufgaben jenseits des Standards helfen, gibt es wenige. Heidmann hat ein so genanntes Logistik-Dashboard entwickeln lassen, das mehr kann als die herkömmliche Software: GPS-Daten der LKWs vieler Transportunternehmen werden in Echtzeit in das Programm übertragen und KPI´s erzeugen einen automatischen Soll-Ist Abgleich, auf den jeder Projektbeteiligte über die Cloud Zugriff hat – ob Projektmanager, Bauleiter, Einkäufer oder Geschäftsführer.

„Transparenz ist das große Stichwort, wenn es bei uns um Digitalisierung geht“, erzählt der Geschäftsführer, „jeder hat Zugriff auf alle wichtigen Informationen. Das spart viel Zeit und Geld.“ Transparenz schaffen – das ist Heidmanns erste Lektion zur Digitalisierung.

Digitalisierung als Mittel zum Zweck: Transparenz und Flexibilität

Ein Anspruch, den Heidmann sich zur Aufgabe gemacht hat. Denn oft kommt es zu unnötigen Verzögerungen, weil nicht jeder über den aktuellen Projektstatus informiert ist. Das lernte Heidmann in der Windkraftbranche. 2004 als Logistikdienstleister selbstständig gemacht, gewann der Bremer schnell Kunden aus der Offshore-Windenergie für sich. „Auf See ist Flexibilität gefragt, je nachdem, wie das Wetter gerade ist. Die Logistiksysteme auf das scheinbar Unvorhersehbare ausrichten, das ist die Herausforderung“, so Heidmann.

Das ist auch in anderen Branchen so: Vielen Unternehmen sind zunächst die wahren Logistikkosten in ihrem Betrieb gar nicht bekannt. Ein großer Anteil sind Personalkosten in Organisation und Koordination. Und genau hier greifen typischerweise Digitalisierungs-Projekte der LSA, erzählt der Geschäftsführer. Sie schaffen Transparenz und automatisieren die Informationslogistik innerhalb eines Unternehmens, aber auch zu Kunden und Auftragnehmern.

Logistik Monitoring LOMO Tracking Tracing

Neue Produkte entstehen zusammen mit Partnern

Aus diesen Erkenntnissen ist etwa LOMO entstanden, ein kleine Box, welche die LSA in der Schwerlastlogistik einsetzt und die am Transportrahmen befestigt wird. Sie gibt nicht nur Echtzeit-Positionsdaten per Mobilfunk an eine Weboberfläche weiter, sondern misst auch Beschleunigung, Neigung und Temperatur. Mehr dazu in unserem Artikel: LOMO! Mit dem Logistik-Monitoring von HEC Projekte weltweit live überwachen.

Die Box entstand in Zusammenarbeit mit der Bremer Softwareschmiede HEC. „Wir holen uns bei neuen Ideen und Projekten Hilfe von außen, Partner, hinzu. So können wir auch als relativ kleines Unternehmen viel Know-how schaffen und schnell neue Produkte entwickeln“, sagt Heidmann. Ganz bewusst möchte er keine eigene IT-Abteilung für Programmierung und Software-Entwicklung aufbauen: „Das ist nicht unsere Kernkompetenz, wir profitieren von der Vorarbeit anderer“.

Das ist Heidmanns zweite Lektion zur Digitalisierung. Neben der ersten – transparente Informationswege schaffen – lautet sie: Partner suchen, um gemeinsame Stärken zu nutzen.

„Digitalisierung – das versteht doch keiner!“

Die dritte Lektion befasst sich mit Komplexität. „Versuchen Sie jemanden in 90 Sekunden ‚Industrie 4.0‘ zu erklären. Das wird schwer – weil das Thema heute so abstrakt angegangen wird. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach“, erklärt der großgewachsene Hanseat. Und greift dabei in die Tasche, nach seinem iPhone, und schießt ein Foto: „Ein Smartphone nutzt jeder im Alltag. Das ist nichts anderes als die Digitalisierung. Warum muss es also im Beruf so komplex sein, wenn wir damit im Privaten ganz natürlich umgehen?“

Eine gute Frage. Heidmann gibt gleich eine Antwort: Weil die Methoden fehlen. Es gebe kein Handbuch Digitalisierung, mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung wie beim IKEA-Regal. Allein die große Komplexität und der unsichere Ausgang überfordere viele.

Auch wenn es wahrscheinlich nie die BILLY-isierte Industrie 4.0 geben wird, versucht Heidmann Ordnung ins digitale Chaos zu bringen. So hat er einen „Regelkreis Digitalisierung“ für das Anforderungsmanagement entwickelt, der über sechs verschiedene Stationen Prozesse – etwa in der Logistik – analysiert und mit herausfindet, wie das Digitale einen Vorteil für die aktuelle Herausforderung darstellen kann. Für die Bewertung helfen bekannte Methoden, wie die Nutzwertanalyse.

„Es ist wichtig, dabei nicht zu schnell zu einfach zu denken“, mahnt Heidmann. Wer etwa über mögliche Digitallösungen nachdenke, kommt schnell zu einer ersten Idee – nur um dann später festzustellen, dass diese gar nicht umsetzbar ist, weil sie von zu vielen äußeren Einflüssen abhängt. Stattdessen sei es besser, zunächst gründlich das Problem zu analysieren und dann einen ersten Schritt  umzusetzen. „Komplex denken – einfach lösen“ nennt er das.

Lektion drei und vier zur Digitalisierung daher: Gründlich analysieren und im Kleinen beginnen.

Cloud Dienste und Transparenz

Dem Himmel sei Dank – Cloud-Dienste steigern die Produktivität

Ein Beispiel dafür: Die Umstellung auf Cloud-Dienste in der LSA. „Die Server in meinem Büro waren mir schon lange ein Dorn im Auge“, erzählt Heidmann. Anschaffungskosten von eigener IT-Infrastruktur seien hoch, jemand externes müsse regelmäßig mit Wartung und Updates beauftragt werden, zudem können Daten gestohlen werden – etwa durch einen Einbruch.

Stattdessen Cloud-Dienste zu nutzen, kam ihm anfangs nicht in den Sinn: „Cloud war für mich ein abstrakter Begriff, mit dem ich nichts anfangen konnte“. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt zu Industrie 4.0 lernte Heidmann dann Arne Schulz vom Bremer Cloud-Dienstleister Axtrion kennen – Topf traf Deckel. Schnell wurden aus den Projektpartnern Geschäftspartner. Heute sind alle Daten der LSA in der Cloud, eigene Server sind Vergangenheit und Heidmann kann jederzeit von überall auf seine Projekte zugreifen.

„Am Frühstückstisch rufe ich den Status von Transporten ab, beauftrage Verladungen oder entwerfe Präsentationen gemeinsam mit Mitarbeitern, die gerade woanders sitzen“, so Heidmann. Er setzt auf die Microsoft 365 Cloud für Office-Anwendungen, für Logistikprogramme auf die Microsoft Power BI-Oberfläche.

Mobiles Arbeiten ist nur ein Nebeneffekt der Cloud – Hauptvorteile sind: sichere Daten durch mehrere Serverstandorte, Einbindung von Lieferanten und Kunden an die IT und flexible Skalierung von IT-Infrastruktur.

„Als Mini-Unternehmen können wir auch dank der Cloud viel Output generieren, da sie uns die Oberflächen dafür bereitstellt, schnell neue Produkte zu entwerfen und diese an den Bedarf anzupassen. Das ist gerade für Mittelständler sehr hilfreich“, schließt Heidmann.

Lektionen gelernt

Transparente Informationswege schaffen, Partner gewinnen, Prozesse analysieren und in kleinen Teilprojekten Digitalisierung umsetzen, um daraus zu lernen – vier Lektionen, die so schon selbst zu einem kleinen Lehrbuch der Digitalisierung werden könnten.

„Wir können nicht überall zugleich sein. Wir brauchen Tools, um uns einen Überblick zu schaffen – Tools, die digital Informationen auswerten“, fasst Heidmann für sich die Digitalisierung zusammen. Sie sind die Grundlage der neuen Geschäftsmodelle, die jetzt möglich werden.

Wie die LSA zeigt, muss man dazu kein Digitalexperte sein. Aber man muss die Anforderungen formulieren können und wissen, welche Digitalexperten einem weiterhelfen – und mit genügend Selbstbewusstsein den Veränderungen entgegentreten. Denn eigentlich hat man die Digitalisierung die ganze Zeit in der Tasche.

Bildquellen:

everything possible/ Shutterstock

LSA

GaudiLab/ Shutterstock

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